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Theologie

Das Theologiestudium im Priesterseminar

Reihe über das Priesterseminar St. Petrus in Wigratzbad und seine Bewohner – Teil 4

von P. Franz Karl Banauch, Regens des Priesterseminars

Der letzte Beitrag dieser Serie über unser Wigratzbader Seminar, in dem es um die philosophischen Studien in unserem Haus ging, liegt nun ein paar Monate zurück. An diese Thematik anschließend soll diesmal von den eigentlichen theologischen Studien die Rede sein, die selbstverständlich den Hauptanteil der Studienzeit im Seminar ausmachen.
Die Scholastik, der sich unsere Ausbildungsstätte besonders verpflichtet weiß, betrachtet die Theologie als Wissenschaft von großer innerer Einheit. Die Unterteilung in unterschiedliche theologische Disziplinen hat daher  vornehmlich didaktische Bedeutung, darf jedoch nicht den Blick auf die innere Verkettung dieser einzelnen aufeinander hingeordneten Unterteilungen verstellen. Bei manchen Teil-Fächern wird dies schon dadurch deutlich, daß sie je nach den Umständen diesem oder jenem Fachbereich zugeteilt werden können. Dies betrifft besonders die Lehre über die Sakramente, die in der Regel größtenteils zwischen den zuständigen Dozenten für Dogmatik (Glaubenslehre) und Moral (Sittenlehre) aufgeteilt werden, wobei sie alle die Gesichtspunkte des anderen mitberücksichtigen und auch andere Fragen, wie etwa der Liturgiewissenschaft oder des Kirchenrechts, behandeln müssen.
Der enge Zusammenhang der Einzeldisziplinen liegt vor allem darin begründet, daß die gesamte Theologie, wie man üblicherweise sagt, einen gemeinsamen „Gegenstand“, ein gemeinsames „Objekt“ besitzt. Die Besonderheit liegt nun darin, daß bereits diese Formulierung „Objekt“ oder „Gegenstand“ der Theologie unzulänglich ist. Nicht umsonst spricht der hl. Thomas, wenn er zu Beginn seiner Theologischen Summe die Theologie als Wissenschaft betrachtet, passender nicht von einem Objekt sondern von einem Subjekt dieser Wissenschaft1. Die Theologie beschäftigt sich ja mit Gott selbst. Im Unterschied zu einer philosophischen Gotteslehre, die aufgrund rein menschlicher Vernunft die Existenz Gottes und gewisse sehr beschränkte Erkenntnisse über Ihn aufzuzeigen trachtet, ist die Theologie dezidiert Glaubenswissenschaft und baut somit auf der Offenbarung auf, durch die Gott selbst zu uns gesprochen hat. Das uns in den Quellen unseres Glaubens Zugängliche ist nicht nur Ausgangspunkt sondern auch bestimmender Leitfaden für alle Teilbereiche der Theologie. Von der Theologie wird hauptsächlich Gott in den Blick genommen - Sein Wort, das Er in unsere Welt hineingesprochen hat, ermöglicht uns aber erst die theologischen Überlegungen.
Dieses Element unterscheidet die Theologie grundlegend von den Erfahrungswissenschaften, deren Untersuchungsgegenstände der sichtbaren Welt angehören, und die daher eine andere Form wissenschaftlichen Beweisens für sich in Anspruch nehmen. Während dort das Zähl- und Meßbare, das im Experiment Nachprüfbare als Grundlage dient, das im Normalfall von jedermann als Ausgangspunkt akzeptiert wird, stützt sich die Theologie hauptsächlich auf unseren Glauben, der sich als solcher nicht beweisen läßt, wenn auch die natürliche Vernunft uns so weit zu führen vermag, daß wir in verantworteter Weise unsere Glaubenszustimmung geben können.
Aus diesem Grund kann niemand rechtens Theologie studieren oder lehren, wenn die Wahrheiten, die uns der Glaube lehrt, für ihn nur wissenschaftliche Arbeitshypothesen sind, und er sich nicht in persönlicher Entscheidung zu ihnen bekennt. Vielfach wird seitens Ungläubiger daher ins Treffen geführt, katholische Theologie sei eine vom Dogmatismus unhinterfragbarer Lehrsätze geknechtete Wissenschaft, wenn ihr nicht überhaupt jegliche Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird. Hingegen läßt sich der Wissenschaftscharakter der Theologie anhand ihrer inneren Logik durchaus selbst einem Nicht-Gläubigen plausibel machen. Für den Gläubigen aber eröffnet sie eine neue Welt lebendigster Wahrheiten und Erkenntnisse, die – wenn auch von unhinterfragbaren geoffenbarten Wahrheiten ausgehend – unseren Geist unendlich höher beschenken kann als jegliche Naturwissenschaft. In diesem Sinne meint der hl. Thomas von Aquin: „Es ist nützlich, wenn sich der menschliche Geist mit solchen Gedanken beschäftigt, und seien sie auch noch so schwächlich, ... denn von den höchsten Dingen durch selbst kleine und schwache Erwägung irgend etwas erahnen zu können, ist höchste Freude.“2
In Folgendem seien nun jene beiden Einzeldisziplinen der Theologie genannt, die innerhalb unseres Seminarbetriebs mit den meisten Vorlesungsstunden vertreten sind: Dogmatik und Moral.
Die dogmatische Theologie erläutert die Glaubenslehre, zeigt auf, wo und wie die verschiedenen Lehraussagen in den Glaubensquellen Heilige Schrift und mündliche Überlieferung enthalten sind und wie das Lehramt sich darüber geäußert hat. Sie nennt gegebenenfalls auch die Irrlehren, gegen welches das Lehramt Stellung bezogen hat, und versucht auch aus dieser Konfrontation tiefer in die Glaubenswahrheiten einzudringen. Nicht zuletzt geht es der Dogmatik auch darum, den Zusammenhang der unterschiedlichen Glaubenssätze zu ergründen und die innere Stimmigkeit und Harmonie der hl. Lehre herauszustreichen. So beginnt der 3-Jahres-Zyklus des Dogmatikunterrichts bei der Lehre von Gott dem Einen und Dreifaltigen und Seinem Schöpfungswerk, und kehrt über das Erlösungswerk Christi und dessen Fortsetzung in der Kirche - vor allem mittels der Sakramente - zur Lehre von den Letzten Dingen zurück, sodaß, von Gott selbst ausgehend, sich der Bogen spannt über Sein Werk von Schöpfung und Erlösung bis hin zur Vollendung in Ihm.
Die Moraltheologie wendet die Erkenntnisse aus dem Glauben für das rechte Handeln an, stellt die Frage danach, wie der Mensch seiner eigenen Natur entsprechend die Glückseligkeit erlangen kann und welche natürlichen und übernatürlichen Tugenden er gebrauchen muß, um seine erbsündlich belastete Natur auf Gott hinzulenken. Dabei muß natürlich auch bedacht werden, worin das Wesen von Bosheit, Sünde und Laster liegt, die der Christ zu fliehen hat. Die Moraltheologie beschränkt sich jedoch nicht bloß auf trockenes Wissen über das, was man zu tun oder zu lassen hat, sondern wendet dies in der Vorbereitung von Priesteramtskandidaten auch in recht praxisnaher Weise auf konkrete aktuelle Zeitprobleme an und lehrt Mittel und Wege, die, über ein bloßes Mittelmaß hinausgehend, uns Sünder zu christlicher Vollkommenheit führen, wie der Herr sie uns in den acht Seligkeiten der Bergpredigt vor Augen stellt.
Zum größeren Teil werden diese Disziplinen gegenwärtig in Wigratzbad von unterschiedlichen Priestern unterrichtet, die nicht beständig hier im Haus leben, sondern für ihre Vorlesungen – sei es in regelmäßigen Abständen oder zu größeren Blockveranstaltungen – eigens anreisen. Da die im Seminar lebenden Dozenten dieser Disziplinen schon in anderem Zusammenhang vorgestellt wurden, sei hier einer jener regelmäßig zur Vorlesung Kommenden kurz präsentiert, der seit der Gründung von Bruderschaft und Seminar durchgehend hier unterrichtet.
P. Gabriel Baumann wurde 1979 zum Priester geweiht und ist einer der Gründungsmitglieder unserer Gemeinschaft. Während der ersten 4 Bestehensjahre des Seminars war er Subregens, ehe er dann für drei Jahre das Amt des Regens innehatte. Seit damals kommt er fast jede Woche – meist am Freitagvormittag, das ist für die Seminaristen schon seit Jahren Gewohnheit – um für die deutschsprachige Sektion Moralunterricht zu erteilen. Dabei ist Deutsch gar nicht seine Muttersprache, weil er zwar unmittelbar an der Sprachgrenze, aber im französischsprachigen Schweizer Biel (Bienne) aufgewachsen ist. Da er den größten Teil seines Priesterlebens jedoch im deutschsprachigen Raum verbracht hat, ist Deutsch für ihn kein Problem mehr. Neben Seelsorgetätigkeiten vor allem in seinem Heimatland konnte er während der letzten Zeit auch kontinuierlich an seiner Doktoratsthese arbeiten, die er nun vor kurzem an der Universität Fribourg eingereicht hat.
1     Vgl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I, q. 1, a. 7.
2     Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles I, cap. 8.