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Spiritualitaetsjahr

Das Spiritualitätsjahr

 

Über das Priesterseminar St. Petrus in Wigratzbad und dessen Bewohner – Teil 2

von P. Franz Karl Banauch

Der erste Beitrag dieser Serie hatte sich der Frage der Berufung und damit verbunden den beiden Leitern des Spiritualitätsjahrs in unserem Seminar gewidmet. Zu diesem Themenkreis ist hier manches nachzutragen, was – von der eigentlichen Berufungsfrage abgesehen – noch zum Spiritualitätsjahr gehört.

Es versteht sich von selbst, daß ein solches einführendes Jahr, das dem vertieften Prüfen der priesterlichen Berufung und dem Eindringen in das geistliche Leben eines angehenden Klerikers dienen soll, akademisch weniger von den Kandidaten fordert. Diese sollen besonders viel Zeit zum Gebet und zur geistlichen Lektüre haben; aber auch manuelle Dienste im Haus, die selbst später im Apostolat nie ganz fehlen werden, stehen noch mehr im Vordergrund.

Die Hauptvorlesung während dieses Jahres ist das Fach Spiritualität, das einerseits den Fortgang dieses noviziatsähnlichen Jahres wesentlich bestimmt, andererseits aber auch für später eine solide Basis an Kenntnissen in dieser Materie vermitteln soll, denn schließlich wird es einmal Aufgabe der jungen Männer sein, anderen Menschen auf dem Weg zu Gott mit Ratschlägen und Wegweisungen aber auch Mahnungen zu Hilfe zu kommen. Dafür ist es notwendig, einerseits die wichtigsten Lehraussagen der Kirche in diesem Bereich zu kennen, andererseits aber auch die großen geistlichen Führer, wie Benedikt von Nursia, Ignatius von Loyola, Johannes vom Kreuz, Theresia von Avila, Franz von Sales und noch andere zu studieren, die es verstanden haben, ihre religiöse Lehre besonders auch durch ihr eigenes persönliches Leben als anschauliches und mitreißendes Vorbild für uns zum Strahlen zu bringen.

Die Kenntnis der großen geistlichen Autoren dient dazu, daß die zukünftigen Priester in geistlichen Dingen zu unterscheiden lernen, was gerade heute von großer Bedeutung zu sein scheint. Authentische katholische Frömmigkeit sollen die Priester vermitteln, und nicht einzelne Haltungen oder Ausdrucksformen, das zwar vielleicht überaus frommen Anschein erwecken, sich aber häufig einseitig vom großen Atem der christlichen Tradition entfernen, und anstelle eines festgewurzelten gradlinigen Baumstammes gesunder Frömmigkeit nur die oberflächliche Begeisterung eines kurzlebigen religiösen Wucherwerks hervorzubringen vermögen. Wie auch später in der Theologie erweist es sich bereits hier, daß die Priesterausbildung weniger auf ausgeklügelter Spezialisierung als auf grundlegender und umfassender Gesamtschau aufgebaut sein muß. In diesem Sinne geht die Einführung in die Spiritualität von den wesentlichen Vorraussetzungen, wie der Natur des Menschen in seiner erbsündlich belasteten Verfaßtheit und von der Lehre der Erlösung durch Jesus Christus mit Hilfe der Gnade und den Gaben des Heiligen Geistes aus. Somit erhalten in der Zusammenschau sowohl das wunderbare Wirken Gottes an der Seele als auch die verschiedenen menschlichen  Anstrengungen in der Aszese den ihnen zukommenden Stellenwert.

Neben Spiritualität hören die Seminaristen des ersten Studienjahres noch Einführungsvorlesungen in Heiliger Schrift, Katechese, Pädagogik und Liturgie, sowie einen Kommentar über die Konstitutionen der Priesterbruderschaft St. Petrus, auf deren Eintritt zu Beginn des zweiten Studienjahrs sie sich vorbereiten. Wer in der Schule noch nicht ausreichend Latein gelernt hat, was leider immer häufiger der Fall ist, hat zudem während des Spiritualitätsjahres zum Nachholen dieser für uns so wichtigen Sprache noch mehr Zeit und Gelegenheit, als später.

Eigene Ausflüge im Kreis der Spiritualitäts-Kandidaten (vgl. den Artikel über den Besuch in Salzburg in diesem Heft), sowie eine Romwallfahrt zum Apostelgrab des hl. Petrus gehören ebenso zum Verlauf dieses ersten der sieben Seminarjahre. Dies trägt dazu bei, daß die einzelnen Jahrgänge von Beginn an zu einer schönen Gemeinschaft zusammenwachsen, was gleichzeitig den Grund legen möge für einen späteren festen mitbrüderlichen Zusammenhalt innerhalb der Priesterbruderschaft St. Petrus als Gesamtheit.