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Philosophie

Zwei Jahre Philosophie

Reihe über das Priesterseminar St. Petrus in Wigratzbad und dessen Bewohner – Teil 3

von P. Franz Karl Banauch, Regens des Priesterseminars

Bisweilen sind Besucher unseres Seminars höchst erstaunt darüber zu hören, daß unsere Seminaristen sich nach dem Spiritualitätsjahr zwei volle Jahre dem Studium der Philosophie widmen, ehe sie mit den eigentlichen Hauptdisziplinen der Theologie beginnen dürfen. Ist dies nicht eine ungerechtfertigte intellektuelle Belastung für einen Menschen, der sich später doch um etwas so Konkretes und Lebendiges wie das Heil der ihm anvertrauten Menschen bemühen soll?

In der Tat stellt diese Zeit für manch einen der Seminaristen eine regelrechte Prüfung dar, denn gewisse philosophische Fächer, wie etwa die Logik, setzen einen hohen Grad an Abstraktionsvermögen voraus. Wenn man sich vor Augen stellt, daß nach Auffassung namhafter Pädagogen die meisten Menschen größtenteils assoziativ denken (d.h. indem sie aufgrund gewisser Ähnlichkeiten Gedankenanstöße erhalten), so fordern die philosophischen Studien mit ihrer rational geordneten Stringenz von vielen Seminaristen eine nicht unbedeutende geistige Selbstdisziplin.

Diese Forderung bringt aber gleichzeitig auch eine Förderung des menschlichen Verstandes mit sich, der durch diese Übung geschärft wird und an innerer Klarheit gewinnt. Dies ist bereits einer der Gründe, die unser Seminar daran festhalten lassen, dem Philosophicum seine volle Bedeutung innerhalb der Priesterausbildung zu belassen1, auch wenn dieses an nicht wenigen theologischen Fakultäten den Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen ist.

Man würde die Bedeutung der Philosophie hingegen unterschätzen, wollte man sie auf die bereits genannte Funktion als „Denkschule“ reduzieren. Viele wichtige und aktuelle Fragen, mit denen ein Priester später in der Seelsorge konfrontiert wird, setzen den Glauben an die Offenbarung nicht notwendigerweise voraus, sondern sind bereits der natürlichen Vernunft zugänglich. Dazu gehören Zeitirrtümer wie Agnostizismus oder Positivismus, aber auch ganz konkrete Fragen wie die christliche Haltung zur Evolutionstheorie, bei der häufig von den modernen Naturwissenschaften, die zweifellos in ihrem Bereich ihre Berechtigung haben, die Grenze zu weltanschaulich-philosophischen Fragen übersehen wird. Es gehört zur geforderten Allgemeinbildung eins Geistlichen, daß er auch über solche – den Glauben nicht unmittelbar aber doch entfernt berührende – Themen mit Einsicht und Sachwissen Aufschluß geben kann. Dazu kommt, daß die ersten Grundlagen der christlichen Offenbarung Wahrheiten voraussetzen, die bereits dem natürlichen Verstand zugänglich sind, wie etwa die Existenz eines höchsten Wesens, das wir Gott nennen.

Die Hauptaufgabe der Philosophie innerhalb der Priesterausbildung besteht allerdings – nach der bekannten Formulierung des hl. Kirchenlehrers Petrus Damiani aus dem 11. Jahrhundert – darin, ancilla theologiae, also „Magd der Theologie“ zu sein. Dabei ist es bedeutsam, daß die Verkündigung und die Verteidigung der Glaubenslehre schon seit der ersten Zeit der Kirchenväter wertvolle Hilfestellungen aus der Philosophie empfangen haben. Sowohl die Irrlehrer als auch die Verteidiger der Katholischen Lehre und die frühen Konzilien gebrauchten philosophische Begriffe, die einen mehr oder weniger klar umrissenen Gehalt als Fachbegriffe besaßen, der häufig gerade durch die Glaubensdiskussionen noch deutlicher herausgearbeitet und präzisiert wurde. Insofern konnte einerseits der Glaube mit Hilfe der Philosophie treffender formuliert werden, und gewann andererseits auch die Philosophie selbst aus dieser Begegnung tiefere Erkenntnisse.2

Nach 2000 Jahren Kirchengeschichte hat sich in den Ausdrücken des kirchlichen Lehramts ein von der abendländischen Philosophie geprägter Sprachgebrauch eingestellt, der mittlerweile von der Glaubenslehre selbst nicht mehr vollständig abgetrennt werden kann, ohne Gefahr zu laufen, den Glauben zu verwässern. Begriffe wie „Person“, „Substanz“, oder „Wesen“ sind so eng mit lehramtlichen Aussagen verknüpft, daß ihre Aufgabe oder ein Wandel ihres Gehalts schlimmste Folgen für das Verständnis dogmatischer Glaubensaussagen nach sich zöge. Daher müssen angehende Theologen mit der abendländischen – auf Platon, Aristoteles, sowie auf Augustinus und Thomas von Aquin (um nur einige wichtigste Vertreter zu nennen) zurückgehenden – Philosophie vertraut sein, um fruchtbar in die Glaubenswissenschaften eindringen zu können. Somit hält unsere Studienordnung auch an dem traditionellen Konzept fest, das Philosophiestudium nicht gleichzeitig mit der Theologie zu absolvieren, sondern es diesem voranzustellen. Zuerst werden die natürlichen Grundlagen gefestigt, die dann die Beschäftigung mit den größeren und tieferen – aus Gottes Offenbarung herrührenden – Wahrheiten der Theologie ermöglichen.

Gegenwärtig wird in der Deutschen Sektion der Philosophieunterricht durch Gastprofessoren sichergestellt, die nicht beständig im Haus wohnen sondern regelmäßig zum Unterricht anreisen. Den Großteil deckt dankenswerterweise Prof. Dr. Walter Hoeres ab, der als Emeritus zwar alles andere als arbeitslos ist, dennoch aber – und zwar schon seit Jahren – seine immer noch regen geistigen Kräfte unserem Haus zur Verfügung stellt. Für die französische Sektion haben wir hingegen einen Priester der Bruderschaft hier im Haus, der mittlerweile den Großteil der philosophischen Vorlesungen erteilt, ergänzt durch einzelne Blockvorlesungen auswärtiger Dozenten. Diesen Mitbruder möchte ich Ihnen nun gerne vorstellen.

Abbé Dr. Sébastien Leclère, geboren im Jahr 1971, genoß kurioserweise während seiner Ausbildungszeit in Wigratzbad überhaupt keinen Philosophieunterricht, allerdings hatte er schon zuvor – übrigens als damals jüngster Doktorand der berühmten Sorbonne – in Paris ausgiebig Philosophie studiert, ehe er seine Seminarausbildung begann. Ungetauft und ohne religiöse Erziehung aufgewachsen, kam er während seiner Pariser Studienzeit mit dem Glauben in Berührung und zwar im Umfeld der überlieferten Liturgie, die in Notre Dame des Armées in Versailles zelebriert wurde. So empfing er die Sakramente der Taufe, Firmung und der ersten hl. Kommunion erst im Erwachsenenalter.

Bald darauf vernahm er den Ruf in den Weinberg des Herrn als Priester, doch einer alten Klugheitsregel folgend, wurde seinem ersten Aufnahmegesuch vom damaligen Regens unseres Seminars, P. Gabriel Baumann, nicht stattgegeben, weil ein Neubekehrter sich zuvor als Gläubiger in der Welt bewähren soll, ehe man ihn ins Priesterseminar zuläßt. So kam es dazu, daß er stattdessen gleich ein Promotionsstudium in Philosophie anhängte und dadurch jene Qualifikation erwarb, die ihn nun zur Lehre am Seminar berechtigt. 1997 wurde er dann doch ins Seminar aufgenommen und im Sommer 2002 durch S. Em. Dario Cardinal Castrillón Hoyos zum Priester geweiht. Zunächst wirkte er daraufhin vom französischen Distriktshaus aus an unterschiedlichen Apostolaten seiner Heimat und kam auch schon für einzelne Vorlesungen ins Seminar. Seit 2004 gehört er nun zu den residierenden Seminarpriestern und übt seit ein paar Monaten auch für die französische Sektion das Amt des Studienpräfekten aus.


1     Vgl. CIC Can. 251: „Die philosophische Ausbildung, die sich auf das immer gültige philosophische Erbe stützen und auch Rücksicht auf die philosophische Forschung der fortschreitenden Zeit nehmen muß, ist so zu vermitteln, daß sie die menschliche Bildung der Alumnen vervollkommnet, ihren Verstand schärft und sie für die theologischen Studien fähiger macht.“

2     Vgl. Johannes Paul II, Enzyklika Fides et Ratio vom 14.9.1998 Nr. 77: „Würde sich der Theologe weigern, von der Philosophie Gebrauch zu machen, liefe er Gefahr, ohne sein Wissen Philosophie zu treiben und sich in Denkstrukturen einzuschließen, die dem Glaubensverständnis wenig angemessen sind.“